Boho
Definition
Boho ist eine Modeästhetik der Lockerheit. Sie setzt auf Naturfasern und sichtbares Handwerk. Sie signalisiert eine künstlerische Identität jenseits bürgerlicher Normen. Der Begriff leitet sich von der Bohème ab. Im Paris des 19. Jahrhunderts bezeichnete er Künstler und Autoren. Henri Murgers Roman von 1851 prägte das Bild dieser Lebensform dauerhaft. Die Hippie-Bewegung der 1960er Jahre erweiterte den Stil. Sie brachte indische Drucke und afghanische Stickereien ein. Das Woodstock-Festival von 1969 machte die Silhouette weltberühmt. In den 2000er Jahren prägten die Glastonbury-Looks von Sienna Miller den Begriff Boho-Chic. Marken wie Free People machten die Ästhetik zu einer kommerziellen Lifestyle-Kategorie. Kernstücke sind bestickte Bauernblusen und fließende Maxiröcke. Häkelarbeiten und Wildleder ergänzen den Look. Erdtöne und tiefe Juwelenfarben bilden die farbliche Basis.
Visuelle Grammatik
Silhouette
- locker, fließend, unstrukturiert
- Maxiröcke und Kleider
- Schlaghosen oder ausgestellte Hosen
- Übergroße Tuniken und Bauernblusen
- Lagenlook mit asymmetrischen Säumen
- Drapierte Schals und Tücher
Materialien
- Naturfasern wie Baumwolle, Leinen, Hanf und Rohseide
- Häkelarbeit, Makramee und handgewebte Textilien
- Wildleder und weiches Leder
- Häufiger Einsatz von Fransen, Stickereien und Patchwork
Konstruktion
- Sichtbares Handwerk durch Handnähte und unfertige Säume
- Globale Handwerkselemente wie Spiegelstickerei und Fransen
Farben
- Erdtöne wie Terrakotta, Ocker, Oliv und Rostbraun
- Juwelenfarben wie tiefes Lila, Blaugrün und Weinrot
- Gebranntes Orange
- Naturbelassene, ungefärbte Textilien
Schuhwerk
- Stiefeletten
- Gladiatorensandalen
- Schlapphüte aus Filz
- Stirnbänder
- Lagen aus Perlen- oder Metallschmuck
- Fransentaschen
- Geflochtene Gürtel
Körperlogik
Boho verzichtet auf eine formgebende Struktur. Es gibt keine Korsetts oder starre Taillen. Die Kleidung hängt locker von den Schultern. Die Silhouette betont die Bewegung des Stoffes. Weiblichkeit entsteht durch die Weichheit der Materialien. Stickereien und Fransen ersetzen die klassische Sanduhrform. Das Haar wird meist lang und natürlich getragen. Das Make-up bleibt dezent oder betont die Augen mit Kajal. Das Schuhwerk reicht von barfuß über Ledersandalen bis zu Ankle Boots. Der Gesamteindruck wirkt unangestrengt. Er entsteht aus sorgfältig gewählten Schichten.
Exemplare
- Sienna Miller in GlastonburyMitte der 2000erMillers Festival-Garderobe definierte den Boho-Chic. Sie kombinierte Westen mit weiten Röcken und Lederstiefeln. Die mediale Präsenz machte diesen Stil zum Standard für Musikfestivals.
- Kate Moss2007Moss trug Vintage-Pelz zu Skinny Jeans und Boots. Sie bewies die Vielseitigkeit der Ästhetik. Sie mischte Fundstücke vom Flohmarkt mit Designerstücken.
- Stevie Nicks in den 1970ernPlateauschuhe und fließende Schals prägten ihr Image. Die Garderobe wurde zum Markenzeichen von Fleetwood Mac. Nicks etablierte viele der bleibenden Boho-Elemente.
- Almost Famous2000Der Film machte den Charakter Penny Lane zur Stil-Ikone. Pelzmäntel und Vintage-Kleider übersetzten den Look der 70er für eine neue Generation. Das Interesse an dieser Ästhetik lebte dadurch neu auf.
- Talitha Getty in Marrakesch1969Das Foto auf einer Dachterrasse in Marrakesch ist legendär. Getty trägt einen weißen Kaftan und massiven Schmuck. Das Bild gilt als eine der wichtigsten visuellen Referenzen für den Stil.
Zeitstrahl
- 1830er bis 1850erDer Begriff Bohème entsteht in Paris. Er beschreibt verarmte Künstler im Quartier Latin. Henri Murgers Erzählungen verbreiten diesen Lebensstil in ganz Europa.
- 1860er bis 1900erDie Präraffaeliten lehnen die industrielle Mode ab. Sie tragen mittelalterlich inspirierte Kleider. Die Verbindung zwischen Kunst und unkonventioneller Kleidung festigt sich.
- 1950erDie Beat-Generation belebt den Geist der Bohème neu. Schwarze Rollkragenpullover und Sandalen werden zu Erkennungsmerkmalen der Gegenkultur.
- 1960er bis frühe 1970erDie Hippie-Kultur übernimmt den Stil. Sie integriert globale Textilien und psychedelische Drucke. Das Woodstock-Festival von 1969 macht den Look ikonisch.
- 1970erBoho erreicht den Mainstream. Yves Saint Laurent entwirft Folklore-Kollektionen. Die Modeindustrie integriert die Silhouetten der Gegenkultur.
- Späte 1990er bis frühe 2000erDie Nostalgie für die 70er kehrt zurück. Musikfestivals wie Coachella werden zum neuen natürlichen Umfeld für den Stil.
- 2004 bis 2008Der Boho-Chic erreicht seinen kommerziellen Höhepunkt. Bestickte Tuniken und Fransenbeutel sind überall im Handel erhältlich. Der Stil prägt das Jahrzehnt.
- 2010er bis heuteBoho bleibt als Urlaubs- und Festivalstil präsent. Marken wie Free People und Zimmermann halten die Ästhetik lebendig. Gleichzeitig wächst die Kritik an kultureller Aneignung nicht-westlicher Textiltraditionen.
Marken
- Free People
- Spell & The Gypsy Collective
- Anthropologie
- For Love & Lemons
- Zimmermann
- Johnny Was
- Cleobella
- Fillyboo
- Auguste The Label
- Urban Outfitters
- Chloé
- Anna Sui
Referenzen
- Ash, Juliet und Elizabeth Wilson, Hrsg. Chic Thrills: A Fashion Reader. University of California Press, 1993.
- Breward, Christopher. Fashion. Oxford University Press, 2003.
- Murger, Henri. Scènes de la vie de bohème. 1851.
- Wilson, Elizabeth. Adorned in Dreams: Fashion and Modernity. Rutgers University Press, 1985.
